Offener Brief von Wiens Jugendanwalt Dr. Schmid an "Österreich" Herausgeber Wolfgang Fellner

Utl.: Berichterstattung über Jugendkriminalität

Wien (18. 7. 2008 - OTS) - An der Herausgeber der Zeitung "Österreich" Herrn Wolfgang Fellner

Sehr geehrter Herr Herausgeber!

Ihre Zeitung stellt am 18. Juli 2008  in der Wien-Ausgabe fest: "Welle brutaler Jugendgewalt erfasst
Wien".
Erlauben Sie mir dazu anzumerken, dass diese Aussage impliziert, dass bis vor kurzer Zeit Wien noch
nicht von einer Welle der Jugendgewalt erfasst wurde, obwohl Ihre Zeitung in den vergangenen Monaten
immer wieder intensiv über die Zunahme der Gewalttaten von Jugendlichen und steigender
Jugendkriminalität berichtete. Waren die früheren Berichte nicht gut recherchiert oder trifft dies auf den
neuesten Artikel zu?

Ich nehme an, dass Sie und natürlich Ihre RedakteurInnen sich der Situation bewusst sind, dass das
ständige, gebetsmühlenartige Wiederholen dieser Behauptungen über steigende Jugendgewalt dazu
beigetragen haben, dass die WienerInnen nun schon davon überzeugt sind, dass diese Feststellung den
Tatsachen entspricht.

Und dies obwohl fast 100% aller JugendbetreuerInnen, JugendleiterInnen, Jugendorganisationen,
PsychologInnen, SoziologInnen, RichterInnen, JugendstaatsanwältInnen, BewährungsherlferInnen, - mit
einem Wort alle, die täglich mit Jugendlichen arbeiten, dies seit Monaten bestreiten und von keiner
Zunahme der Jugendgewalt sprechen.

Sogar die stets falsch interpretierte Kriminalitätsstatistik des Innenministeriums, das die Anzeigen erfasst
(und noch keine Verurteilungen), sprach von einem Rückgang der Jugendkriminalität in Wien.

Aber Sie (u.a.) haben es geschafft, das ablehnende Gefühl unserer MitbürgerInnen gegen Jugendliche zu
verstärken und ich nehme nicht an, dass dies das Ziel Ihrer Berichterstattung über Jugendliche ist.

Selbstverständlich werden Sie weiter über einzelne Jugenddelikte berichten, aber ich darf Sie ersuchen
die unleidliche Feststellung der Gewaltzunahme - die sich natürlich auch gegen die 95% unserer
vollkommen unbescholtenen, in der Regel auch gewaltfreien Jugendlichen richtet - einzustellen.

Glauben Sie mir als Jugendanwalt und vielen nie erwähnten Studien aus den USA und Europa: Wenn wir
lange genug unserer Jugend öffentlich vorwerfen, dass Sie so gewalttätig sei,  dann wird sie im Sinne der
self - fullfilling - prophecy dies auch einmal werden. Dann aber wird es zu spät sein, wie bereits jetzt in
Paris und London.

Bitte nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr!