Wiener Jugendanwalt: Wer trägt die Verantwortung für gewalttätige Jugendliche?

Utl.: Jugendlicher tötet 63jährigen Mann in Wien

Wien (29. 9. 2009 - OTS) - Ein gewalttätiger Jugendlicher tritt einen 63-jährigen Mann die Stiegen hinunter, der letztlich daran stirbt. Ein völlig unschuldiger Mann bezahlt mit seinem Leben die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, bei gewaltbereiten Jugendlichen richtig zu handeln.

Natürlich fragt man sich, wie kann so etwas passieren? Diese Frage zu diesem Zeitpunkt aber kommt zu spät, so der Wr Jugendanwalt Anton Schmid.

Wir wissen, dass ca 5% unserer hpts. männlichen Jugendlichen gewaltbereit und gewalttätig sind.

In der Regel sind derartige massive Gewaltausbrüche bei gewalttätigen Jugendlichen  nichts Neues.

Aber was tun wir? Nichts! Denn diese Jugendlichen sind bereits von klein auf auffällig: zu Hause, im Kindergarten, in der Volksschule, in der Hauptschule (manchmal auch im Gymnasium), in der Lehre, am Jugendamt, bei Psychologen, Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Sachverständigen... Dutzende Personen, die dafür meist bezahlt werden, diesen Jugendlichen  den Weg in die Gesellschaft zu ermöglichen, scheitern. Wieso?

Schmid: "Niemand konfrontiert die Jugendlichen mit dem, was sie tun oder getan haben, wir setzten untaugliche Mittel ein, ihnen zu helfen. Wir sind nicht fähig, diese jungen Menschen  zu stoppen und zu sagen: "HALT". Und das mit aller Schärfe und aller Konsequenz."

Stattdessen hören wir ständig, dass höhere Strafen notwendig sind, Bootcamps eingerichtet gehören, das Strafalter gesenkt werden soll. Wir schaffen den Jugendgerichtshof ab. Wir verweigern diesen Jugendlichen Unterstützung, indem wir selbst unsere Hilflosigkeit präsentieren. Schließlich stellen wir fest, dass aufgrund von (falsch interpretierten) Statistiken unsere Jugend immer gewalttätiger wird. Was natürlich nicht stimmt. Denn 95% der Jugendlichen sind weit weg von Gewalttätigkeit.

Was wäre zu tun?

Wenn man z.B. 17 Jahre alt und gewalttätig ist, hat man viele pädagogische Gespräche über sich ergehen lassen müssen (von den Eltern über Lehrer bis zu Psychologen), aber niemand hat diese Jugendlichen wirklich in ihrer eigenen Verantwortung ernst genommen. Pädagogische Konsequenz heißt jedoch nicht zu vergessen, welches Leid und welche Gewalt die jungen Menschen erlebt haben, aber wir müssen den Kreislauf der Gewalt stoppen. Indem sie mit ihrer Gewalt bis zur äußersten Konsequenz konfrontiert werden. Und diese Fertigkeit sollte eigentlich im Helfersystem vorhanden sein. Ist es aber nicht.

Gewalt gehört nicht nur geächtet, sonder jene Kinder und Jugendlichen, die sich in Richtung Gewalttätigkeit entwickeln, müssen lernen Grenzen einzuhalten. Und zwar so früh wie möglich und so verständnisvoll wie unnachgiebig gleichzeitig.

"Wir müssen in der Ausbildung von Jugendpsychologen, Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Jugendleitern etc. radikal umdenken. Gewalt gehört bereits von Anfang an konsequent gestoppt, und das nicht nur zum Schutz der 95% anderen Kinder und Jugendlichen, sondern auch im Interesse der jungen Gewaltbereiten selbst", stellt Schmid fest.