Wiener Jugendanwälte: "Mangelnde Gesundheitsversorgung von Kindern ist beschämend für unseren Sozialstaat"

Utl.: Wiener Kinder- und Jugendanwälte Pinterits und Schmid zum Bericht der Kinder- und Jugendgesundheit 2011

Wien (OTS) - "Es ist ein Skandal, dass Kindern und Jugendlichen in Österreich wichtige medizinische Hilfe verwehrt bleibt", entrüstet sich Wiens Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. So zeigt der aktuelle Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit 2011, dass es für rund 60.000 Kinder und Jugendliche an ausreichender Versorgung mangelt. "Für unseren Sozialstaat ist es beschämend, dass suizidgefährdete Jugendliche auf einer Erwachsenenstation betreut werden müssen, weil die Basisversorgung nicht gewährleistet ist", ärgert sich Jugendanwalt Anton Schmid. Auf kostenfreie Psychotherapieplätze müssen traumatisierte Kinder, nachdem sie im Versorgungssystem herumgereicht wurden, oft bis zu einem Jahr lang warten.
Vor allem Lebensstilerkrankungen, chronische und psychosoziale Störungen sind im Steigen begriffen: So leiden 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen an Übergewicht oder Essstörungen, 17,5 Prozent haben eine chronische Krankheit und 20 bis 25 Prozent sind verhaltensauffällig oder kämpfen mit psychosozialen Problemen. Österreichs Jugendliche sind mit 25 Prozent außerdem am häufigsten von allen Kindern europaweit mit Gewalt konfrontiert. "Erfahrungen mit psychischer oder physischer Gewalt machen krank und werden von den Jugendlichen später genauso weitergegeben", erklärt Schmid. Man dürfe den Jugendlichen selbst jedenfalls nicht den Sündenbock zuschieben, stellt der Jugendanwalt klar. "Kinder und Jugendliche machen nur das nach, was wir ihnen vorleben", weiß Schmid und appelliert an die Erwachsenen, sich der Verantwortung gegenüber der Gesundheit und dem Verhalten ihrer Kinder bewusst zu werden. Neben den Eltern und anderen Bezugspersonen, für welche es deutlich mehr Unterstützungsangebote geben sollte, müsse auch der Staat zur Verantwortung gezogen werden. Pinterits: "Wenn ein Kind mit akutem Betreuungsbedarf vier Monate auf einen Platz in einer Wohngruppe warten muss, fragt man sich, wie in diesem Land die Prioritäten verteilt sind".
Es wäre enorm wichtig, stärker auf präventive Maßnahmen zu setzen, anstatt erst dann zu agieren, wenn es bereits zu spät ist. Die Etablierung eines sozialen Frühwarnsystems, wie es die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit und gestern in einer Pressekonferenz der Kinder- und Jugendanwaltschaft vorgeschlagen wurde, sollte auf jeden Fall unterstützt werden, meint die Kinder- und Jugendanwältin Pinterits. "Denn wenn dadurch die Missbrauchs- und Kriminalitätsraten um mehr als 50 Prozent verringert werden können, wie man es am Vorbild anderer Länder sieht, worauf warten wir dann noch?", wenden sich der Jugendanwälte an die politischen Akteure. "Besonders Jugendliche brauchen unsere vollste Unterstützung. Daher dürfen wir solche Zustände nicht unkommentiert hinnehmen!". Wir benötigen einen Nationalen Aktionsplan um unsere Kinder besser vor Gewalt schützen zu können. Ein gutes und qualitativ hohes Kinder-und Jugendhilfegesetz wäre ein dringend notwendiger erster Schritt dazu.